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17. Dezember 2005, Zürich TAGES ANZEIGER Text: Thomas Wyss


Zusammen aus dem Rahmen fallen

Wenn in Zürich die Avantgarde rockt, die Schickeria aber dennoch tanzt, haben meist die «Mocca»-Boys Simon Renggli und Evangelos Kontopoulos ihre Finger im Spiel.

Der eine ist seit kurzem Papa und verdient seinen Lebensunterhalt als selbständiger Grafiker. Er ist ein ruhiger, wortkarger Typ. Wenn er dennoch spricht, treffen seine Sätze, vergleichbar mit präzis geworfenen Dart-Pfeilen, fast immer ins Schwarze. Macht er gar mal einen Witz, ist dieser derart trocken, dass man glaubt, den ironischen Staub in seiner Kehle herumwirbeln zu sehen.

Der andere ist mehr oder weniger das Antidot zum Erstgenannten. Er ist ein Zappelphilipp, der unablässig seinen fröhlichen Charme spielen lässt. Um zu antworten, braucht er gar nicht erst eine Frage. Bekommt er trotzdem eine, beispielsweise jene nach seinem Job, lügt er frech «Koala-Züchter» und lacht. Als er später erzählt, er sei früher der «Gango» von Urs Müllherr und Yves Spink vom legendären Trash-Party-Syndikat «Massive Ursive» gewesen, kommt dies einem «Aha!»-Erlebnis gleich. Die Meister haben ihrem ehemaligen Grünschnabel scheinbar alles beigebracht haben, was es braucht, um im Ausgehdschungel eine spezielle Figur zu machen.

Trotz diverser Gegensätze kennen Simon «Simi» Renggli und Evangelos Kontopoulos auch Gemeinsamkeiten. Beide sind 27, beide konsumieren keine Drogen, und beide stehen total auf «Mocca». Das ist ihr gemeinsames Partylabel, welches heute 1555 Nächte alt wird. Dass man gerade bei dieser Zahl eine Geburtstagsfeier in eigener Sache steigen lässt, passt perfekt zum «Mocca»-Credo, das mit «Zusammen aus dem Rahmen fallen» wohl am treffendsten umschrieben ist. Denn obwohl die 43 bisherigen Anlässe in so unterschiedlichen Venues wie der intimen «Bar Rossi», dem pompösen «Terrasse» oder der trendigen «Dachkantine» stattgefunden haben, wiesen sie fast ausnahmslos die identischen Merkmale auf: 1. ein Deko zwischen schrill und atmosphärisch. 2. einen avantgardistischen Soundmix, der so erquickend in die Seele rockt wie der morgendliche Espresso in Roma Termini. 3. Habitués, die nach Szene ausschauen, nach Schickeria duften – und dennoch umherstampfen, als wären sie an einem Punk-Konzert in den Londoner Suburbs.

Belohnte Courage
Dass «Mocca» zu einem weit über die Stadtgrenzen hinaus populären Brand geworden ist, liegt insbesondere am Mut und innovativen Denken der Macher. Ihr (auch finanzielles) Va-banque-Spiel, früher als andere lokale Veranstalter internationale Live-Acts wie Tok Tok & Soffy O., Mocky oder Louie Austen in die Klubnächte zu integrieren, hat sich ausbezahlt. Hinzu kommt das von Reykjavik bis São Paulo reichende Beziehungsnetz von «Partyglobetrotter» Kontopoulos, welches garantiert, dass kaum je eine Fete-«Mocca» ohne ausländischen Star-DJ über die Bühne geht.

Verblüffend ist, dass dies alles ohne Sponsor passiert. Man habe halt den passenden Partner noch nicht gefunden, meint Renggli lakonisch, als Kontopolous plötzlich aufschreckt. «Schreib doch, falls Néstle Interesse hätte, sollen sie sich melden. ‹Mocca›-Partys mit Nescafés, das wär perfekt.»

1555 Nächte «Mocca» mit The Lotterboys (live), Munk-DJ-Team, Vascock, Carmen D. und Vangelini, heute, 23 Uhr, Kunstraum Walcheturm.